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Diversifizierung statt Abhängigkeit: Was die deutsche China-Strategie für die Wirtschaft bedeutet


Auf einen Blick

  • Bisherige Entwürfe der China Strategie der Bundesregierung forcieren Diversifizierungsinitiativen, um kritische Abhängigkeiten der deutschen Wirtschaft vom chinesischen Markt deutlich zu reduzieren.

  • Auch wenn ein komplettes Decoupling politisch nicht forciert wird, sollen Krisenszenarien einen möglichen Worst-Case simulieren, bei dem erhebliche Teile des China Geschäfts für deutsche Unternehmen wegfallen würden, zum Beispiel bei einem chinesischen Angriff auf Taiwan.

  • Der sich intensivierende Großmachtkonflikt zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Volksrepublik China bringt europäische Hochtechnologieunternehmen zunehmend in Bedrängnis und Deutschland läuft Gefahr, auch in Friedenszeiten zwischen die Fronten zu geraten.

Auswirkungen auf deutsche Unternehmen

  • Gesteigerte Mitteilungspflichten zu Chinageschäften bedeuten ein höheres Maß an Informationsweitergabe an die Bundesregierung.

  • Gezielte Stresstests bei besonders exponierten Unternehmen sollen den möglichen Wegfall des Chinageschäftes bzw. das Ausbleiben von Zulieferungen aus China simulieren.

  • Die Politik erwartet und forciert, dass sich deutsche Wirtschafts- und Lieferbeziehungen diversifizieren, um einseitige Abhängigkeiten vom chinesischen Markt abzubauen.

  • Politische Unterstützung für Chinageschäfte soll in Zukunft auf nachweislich positive Effekte für den Standort Deutschland evaluiert werden.

  • Bestehende Regulierungsinstrumentarien werden erweitert, womöglich auch um einen Kontrollmechanismus für Investitionen deutscher Firmen in Drittstaaten wie China (Outbound Investment Screening).



Der Stand der Dinge

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine und das anschließend verhängte Sanktionsregime verdeutlichen die Risiken wirtschaftlicher Abhängigkeiten von möglichen geopolitischen Rivalen. Zwar ist die Wahrscheinlichkeit einer vergleichbaren Konfrontation in Ostasien derzeit noch umstritten, doch wäre das mögliche Szenario einer militärischen Operation Chinas gegen Taiwan und anschließende Sanktionsmaßnahmen für Deutschland weitaus kostspieliger und mit deutlich umfangreicheren wirtschaftlichen Folgen verbunden als der Ukrainekrieg. Deutsche Handels- und Investitionsvolumina liegen in China um knapp ein Vierfaches höher als in Russland. Und während sich die Verwundbarkeit gegenüber Moskau in einer massiven Abhängigkeit im Energiebereich zeigte, liegen mit Blick auf China erhebliche Klumpenrisiken vor allen Dingen in einzelnen Industriesparten (Automobile, Chemie, Maschinenbau) sowie beim Import seltener Erden, die gerade im Hochtechnologiebereich elementarer Bestandteil von Wertschöpfungsketten sind. Darüber hinaus ist Deutschland auf Grund seiner exportorientierten Wirtschaft auch ohne kriegsbedingtes hartes „Decoupling“ von China wie kaum ein anderes Land anfällig für einen sich verschärfenden geoökonomischen Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik. China fordert mit seiner wirtschaftlichen Macht und einem zunehmend-selbstbewussten Auftreten auf internationaler Bühne den globalen Führungsanspruch der USA heraus.


Washingtons erklärtes Politikziel ist es seit einigen Jahren, den Aufstieg Pekings als einen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Rivalen zu verhindern. Gerade weil China von Jahrzehnten der Internationalisierung und Liberalisierung des Handels profitiert hat, rücken nunmehr wieder aktive Industriepolitiken bis hin zu Protektionismus in den Fokus von politischen Entscheidungsträgern, allen voran in Washington.


Diese Umstände haben die Bundesregierung veranlasst, eine umfassende und ressortübergreifende China-Strategie zu erarbeiten. Nach der eher pragmatischen, interessenorientierten und auf Dialog ausgerichteten Politik der letzten zwei Jahrzehnte streitet die Ampel-Koalition nun um neue Grundsätze. Auch wenn China nach wie vor als wichtiger Partner beispielsweise im Kampf gegen den Klimawandel gesehen wird, hat sich ein Grundkonsens zur Diversifizierung herausgebildet: Es geht darum, bestehende Abhängigkeiten zu verringern, stärker auf gleiche Wettbewerbsbedingungen zu setzen und einen fairen Marktzugang (level playing field) zu erwirken. Nach der „Zeitenwende“, bedingt durch den russischen Krieg in der Ukraine, schließt dies die Auseinandersetzung mit Szenarien einer substanziellen Einschränkung des Chinageschäfts mit ein. Das grundsätzlich hohe Interesse am Wirtschaftsaustausch mit China bleibt zwar bestehen, und eine umfassende Entkoppelung ist politisch nicht beabsichtigt, jedoch sollte die vehement vorgetragene Forderung nach einem stärkeren Eintreten für deutsche Interessen als ein wichtiger Schritt hin zur neu-gedachten Rolle Deutschlands in der Welt verstanden werden. Die Bundesregierung erwartet dabei klar die Mitarbeit deutscher Unternehmen. Deren übergeordnetes Ziel sollte es sein, ihr Geschäft so aufzustellen, dass es im Ernstfall – also zum Beispiel bei westlichen Sanktionen gegen China infolge eines Angriffs auf Taiwan – nicht zu Stillstand, Pleiten und massivem Wohlstandsverlust in Deutschland kommt. Wurde China in Berlin und Brüssel also zuletzt gleichermaßen als “Partner, Wettbewerber und systemischer Rivale” wahrgenommen, so verschiebt sich der Fokus nunmehr hin zu den letzten beiden Kategorien – eine Annäherung an die in den USA dominante Sichtweise. Die bisher bekannten Elemente der deutschen China-Strategie lassen dabei die Tendenz erkennen, dass die Politik hier auch die Wirtschaft stärker in die Pflicht nehmen will. Dies gilt für das Reduzieren einseitiger Abhängigkeiten ebenso wie für das aktive Erschließen alternativer Märkte, ein deutlicherer Fokus auf Ressourceneffizienz sowie das mögliche Einführen neuer Quoten für Recycling bzw. den Einsatz von Rezyklaten. Diskutierte Ideen umfassen zum Beispiel eine erhöhte Berichterstattungspflicht zum Chinageschäft, das regelmäßige Durchführen von Stresstests, höhere Auflagen zum effektiven Unterbinden von Wissensabfluss sowie eine weitaus restriktivere Handhabung der politischen Begleitung deutscher Firmenprojekte in China. Peking hat die in Berlin zirkulierenden Vorschläge bereits kritisiert und arbeitet an möglichen Gegenmaßnahmen, während Washington seinen Kurs weiter verschärft – mit Auswirkungen auf alle Firmen, die sowohl auf dem US als auch dem chinesischen Markt tätig sind. Deutschland droht zwischen die Fronten der amerikanisch-chinesischen Rivalität zu geraten – was es wiederum für Unternehmen unerlässlich macht, ihre wirtschaftlichen Risikoabwägungen um politische Gesichtspunkte zu erweitern.

Die Strategie der Bundesregierung betont dabei immer wieder, dass eine effektive China-Politik nur im europäischen Rahmen funktionieren kann. Gleichzeitig ist es jedoch bereits heute im EU-Rahmen schwierig, sich der Wirkungsmacht von US-Sekundärsanktionen zu entziehen (siehe Iran). Hinzu kommt, dass einzelne EU-Mitgliedstaaten wirtschaftlich noch stärker von der Volksrepublik abhängig sind als die Bundesrepublik, beispielsweise Finnland, Tschechien, Portugal und Schweden. Chancen sieht die Bundesregierung wiederum in der Ende 2021 lancierten EU-Konnektivitätsstrategie “Global Gateway”, die sich mit einem Volumen von bis zu 300 Mrd. Euro als Alternative zur chinesischen Belt and Road Initiative (BRI) versteht. Bis 2027 wollen die EU und ihre Mitgliedstaaten gemeinsam mit den europäischen Entwicklungsbanken und dem Privatsektor weltweit Projekte für hochwertige, nachhaltige Infrastruktur in den Bereichen Digitales, Energie, Transport, Gesundheit, Bildung und Forschung initiieren. Die Wirtschaft soll dabei über eine Business Advisory Group eingebunden werden und es besteht die Aufforderung, dass deutsche Unternehmen geeignete Projekte identifizieren und mögliche paneuropäische Umsetzungskonsortien vorschlagen.

China als schwer kalkulierbares unternehmerisches Risiko

Neben den umfangreichen deutsch-chinesischen Handels- und Investitionsbeziehungen bestehen insbesondere im Rohstoffbereich kritische Abhängigkeiten, die für die Bundesregierung von Bedeutung sind. Die China-Strategie der Bundesregierung erkennt, dass entsprechende Lieferausfälle weitreichende Folgen für die Produktionsfähigkeit in Deutschland hätten, allen voran in der chemischen Industrie, der Elektrobranche und bei metall-intensiven Produktionsketten. Bei Rohstoffen und Seltenen Erden sind kritische Abhängigkeiten von China sogar noch stärker ausgeprägt als bei Industrieprodukten. Daneben führt die enorme Bedeutung des Chinageschäfts in einzelnen Branchen – wie zum Beispiel im Automobilsektor – zu erheblichen Klumpenrisiken mit Blick auf Umsatz, Gewinnbeitrag und Anteil an Forschung und Entwicklung. Chinas dynamischer Markt wird auch weiterhin von maßgeblicher Bedeutung für die deutsche Wirtschaft sein.


Es gibt jedoch neben der eigenen Abhängigkeit und möglichen Sanktionsszenarien auch eine Reihe von Risiken im Land selbst zu beachten. Hierzu gehören strukturelle Herausforderungen samt einem sich – trotz kurzfristiger Erholung dank dem absehbaren Ende der Covid-Pandemie – abschwächenden Wachstum, eine ausufernde staatliche Kontrolle sowie eine zunehmende Nationalisierung der Wirtschaft. Zu den strukturellen Problemen, welche die langfristige wirtschaftliche Entwicklung des Landes nachhaltig bestimmen, gehört dabei die rapide Alterung der Gesellschaft, die erheblichen Druck auf die nur schwach ausgeprägten sozialen Sicherungssysteme ausübt. Darüber hinaus kommt Chinas schulden-gestütztes, investitionsgetriebenes Wachstumsmodell mit geringen Produktivitätszuwächsen vermehrt an seine Grenzen. Perspektivisch dürfte das chinesische Wirtschafts­wachstum nur noch in Ausnahmefällen jenseits der fünf Prozent liegen und sich den westlichen Märkten angleichen. Dementgegen stehen lediglich die chinesischen nominalen privaten Konsumausgaben und Investitionen, die sich bis 2030 durchaus verdoppeln könnten. Inwieweit dies als alternativer Wachstumsmotor wirken kann, hängt vor allem von den Reformbemühungen bzw. Öffnungstendenzen der chinesischen Partei- und Staatsführung ab. Prognosen der Weltbank für 2050 erwarten eine chinesische Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung je nach Entwicklungsszenario von ca. 34.000 bis 56.000 US-Dollar. Zum Vergleich: Die Werte für die USA bzw. Deutschland liegen bei ca. 87.000 bzw. 82.000 US-Dollar. Zusätzlich sieht sich die chinesische Regierung massiven Herausforderungen bei der Energieversorgung gegenüber, die im letzten Jahr nur durch zusätzliche Kohleverbrennung entschärft werden konnten. Auch die noch immer vorhandene Immobilienkrise, ein außer Kontrolle geratenes System von Schattenbanken, enorme Umweltschäden sowie eine stetig wachsende Kluft zwischen Arm und Reich haben erhebliche Implikationen für den Wirtschaftsstandort China.


Die Präsidentschaft Xi Jinpings stellt darüber hinaus in vielerlei Hinsicht eine Zäsur in der chinesischen Politik dar. Sie bedeutet nicht nur die Abschaffung des Prinzips kollektiver Führung, sondern deutet auch auf eine Abkehr vom bisherigen Fokus wirtschaftlicher Entwicklung hin. Die bislang geltende, stille Vereinbarung zwischen der Kommunistischen Partei Chinas und dem Volk zur Einschränkung politischer Freiheitsrechte im Gegenzug für stetig steigenden Wohlstand scheint vermehrt aufgehoben. Hierauf deutet vor allem das Einschwören auf schwierigere Zeiten hin, also Umstände, die dem chinesischen Volk Entbehrungen abverlangen werden und nationalen Zusammenhalt erfordern.


Die chinesische Führung weiß, dass sich die Wachstumsraten der Vergangenheit wohl nicht wiederholen lassen und sieht somit die ökonomische Legitimation für autokratische Führung und innere Stabilität gefährdet. Xis Antwort ist eine noch umfassendere Steuerung der Wirtschaft und bisweilen ausufernde Eingriffe staatlicher Behörden in wirtschaftliche Belange. Schon länger verfolgt China ein hybrides Wirtschaftsmodell, welches plan- und marktwirtschaftliche Elemente kombiniert. Die schon in der Vergangenheit zentrale Rolle von Staatsunternehmen wird jedoch zunehmend größer, und die kommunistische Partei hat wiederholt klargestellt, dass sämtliche wirtschaftliche Aktivität vom guten Willen der politischen Führung abhängt. Auch die deutsche China-Strategie merkt an, dass die Wirtschaftspolitik des Landes langfristig und strategisch ausgerichtet sei und vorrangig dem Regimeerhalt verpflichtete Ziele verfolge. Vor diesem Hintergrund forcieren Industriestrategien wie “Made in China 2025” eine weitgehende wirtschaftliche und technologische Autarkie, verbunden mit globaler Industrie­führerschaft insbesondere bei Zukunftstechnologien und der Verbesserung militärischen Fähigkeiten. Die gezielte Akquise ausländischer Unternehmen und Spezialisten in technologischen Schlüsselbereichen nimmt dabei eine zentrale Stellung ein und ist fast immer mit Joint-Venture-Auflagen, Lokalisierungsanforderungen und erzwungenen Technologietransfers verbunden.


Insofern ist China grundsätzlich noch immer nicht an einer offenen Wirtschaft interessiert; vielmehr sind ausländische Firmen und deren Investitionen nur willkommen, sofern sie für die eigenen Entwicklungsambitionen relevant sind. Dabei hat sich ein Modell chinesischer Industriepolitik herausgebildet, bei dem auf ein aktives Anwerben von Investitionen und Technologien aus dem Ausland eine Transformationsphase zur Stärkung der eigenen Kapazitäten folgt, die, falls erfolgreich, in staatlich unterstützte Verdrängung aus dem chinesischen Markt mündet, sobald die eigenen Unternehmen Technologieparität erworben haben. Etwaige Lokalisierungsstrategien ausländischer Firmen können somit keinesfalls der Politisierung des Geschäftsumfeldes entgehen, sondern ermöglichen dieses vielmehr. Solange ausländische Akteure auf Grund ihrer Qualität und ihres Know-hows im chinesischen Markt unersetzlich sind, werden sie dort auch weiter Geschäfte machen können. Die vielversprechendste und nachhaltigste Taktik gegen Marktverdrängung ist also eine Innovations- und Technologieführerschaft deutscher Unternehmen, die deshalb nicht nur geschützt sondern durch strategische und umfangreiche Investitionen vielmehr ausgebaut werden sollte.


Regionale und geopolitische Verwerfungen sowie gefährliche Abhängigkeiten

Die chinesische Regierung hat in den vergangenen Jahren vermehrt alternative Strukturen zu den Bretton Woods-Institutionen (Weltbank und Internationaler Währungsfonds) auf internationaler Ebene etabliert. Die Asian Infrastructure and Investment Bank mit Sitz in Peking setzt sich beispielsweise für wirtschaftliche und soziale Entwicklung im asiatischen Raum ein und ist dabei inzwischen zur zweitgrößten Entwicklungsbank der Welt aufgestiegen. Pekings Belt and Road Initiative fokussiert sich darüber hinaus seit 2013 auf Infrastrukturprojekte in Asien, dem Nahen Osten und Europa. Chinas Engagement in Afrika wiederum besteht nicht nur aus Kreditvergaben, sondern auch aus umfangreichen Rohstoffpartnerschaften, von denen in erster Linie chinesische Unternehmen profitieren.


Für die chinesische Förderpolitik spielen Verschuldungsfragen dabei eine zentrale Rolle. Laut Weltbank ist Peking inzwischen der größte offizielle Kreditgeber für Entwicklungsländer und hält bereits einen erheblichen Teil der knapp 700 Milliarden US-Dollar Auslandsschulden afrikanischer Staaten. Dabei setzt die Volksrepublik überwiegend auf eine bilaterale Mittelvergabe, was ihr mehr (politischen) Einfluss auf die Schuldner bringt. Angesichts einer dramatischen Zuspitzung der Schuldenkrise in Afrika kooperiert China neuerdings mit anderen staatlichen Gläubigern, zum Beispiel mit dem informellen Pariser Club westlicher Kreditgeber sowie im Kreise der G20. So konnte vor nicht allzu langer Zeit ein Entschuldungsdeal über 1,4 Milliarden US-Dollar mit Sambia erreicht werden. Eine grundsätzliche Abkehr von der Politik der Schuldenfalle, der zufolge Entwicklungsländer in Zahlungsschwierigkeiten Peking im Gegenzug für einen Schuldenerlass ihre kritische Infrastruktur wie Häfen oder Flugplätze überschreiben müssen, ist aber noch nicht zu erkennen. Darüber hinaus versteht sich China immer mehr als Hegemonialmacht in Ostasien, was primär das Verhältnis zu Japan und Südkorea prägt. Zwar sind beide Länder wirtschaftlich eng mit der Volksrepublik verflochten, jedoch sicherheitspolitisch mit den USA verbündet. Daneben will der Zusammenschluss Südostasiatischer Staaten (ASEAN) wirtschaftliche Herausforderungen und ungelöste Regionalkonflikte meistern sowie weitere ökonomische Integration fördern. Die China-Strategie der Bundesregierung sieht hierin ein mögliches Gegengewicht zu Chinas wachsendem Einfluss und somit auch Diversifizierungsperspektiven für die deutsche Wirtschaft. Dennoch ist die Volksrepublik nach wie vor der wichtigste Handelspartner für acht von zehn ASEAN-Mitgliedstaaten (mit Kambodscha und Thailand als Ausnahmen) und kann seinen erheblichen Einfluss somit weiterhin auch politisch geltend machen.


Der Rückzug der USA aus den Verhandlungen zu einem transpazifischen Handelsabkommen (TPP) hat nicht nur Washingtons Einfluss im indopazifischen Raum geschwächt. Er hat auch China nachhaltig gestärkt, da Peking als dominante Wirtschaftsmacht seinerseits nun über eine Mitgliedschaft verhandelt. Neue US-geführte Initiativen wie der Indo-Pazifische Wirtschaftsrahmen können dem nur wenig entgegensetzen, da Washington aus innenpolitischen Gründen mittelfristig wohl keinen erleichterten Marktzugang anbieten kann. Auch in Südamerika, Afrika und im Nahen Osten machen strategische Investitionen in Infrastruktur, diverse Rohstoffpartnerschaften und umfangreiche Kreditverträge China zu einem globalen Player. Entsprechend tun sich die Vereinigten Staaten schwer, Anti-China Allianzen zu schmieden. Die meisten Länder wollen sich nicht zwischen amerikanischen und chinesischen Einflusszonen entscheiden, und selbst enge Verbündete der USA, ob in Europa oder am Persischen Golf, in Australien oder Lateinamerika, pflegen intensive Beziehungen zu Peking.


Dass die Weltmacht China offiziell immer noch darauf besteht, nach internationalen Standards ein Entwicklungsland zu sein, ist den Vereinigten Staaten und auch europäischen Ländern schon länger ein Dorn im Auge. Peking sichert sich dadurch günstige Kredite und kommt in den Genuss von Ausnahmeregeln bei Klimaschutzbemühungen und der WTO. Deshalb plant die Bundesregierung, China bezogene KfW-Kredite auslaufen zu lassen und internationale Entwicklungshilfeprojekte neu zu evaluieren (selbst mit Blick auf Klimaschutzmaßnahmen), was durchaus auch in diesem Bereich aktive Unternehmen betreffen wird. Tatsächlich ist Chinas Engagement beim Kampf gegen den Klimawandel – wie bei anderen Ländern auch – industriepolitisch motiviert. Chinesische Unternehmen produzieren bereits heute weltweit mehr als 70 Prozent aller Solarpaneele und etwa die Hälfte der Windturbinen und Elektroautos. Darüber hinaus ist die Volksrepublik der weltweit größte Produzent von Batterien und Wasserstoff, was zwar auf der einen Seite zur Massenverfügbarkeit bestimmter grüner Technologien auf dem globalen Markt führt, jedoch gleichzeitig deutsche Unternehmen enorm unter Druck setzt. Denn mit den oftmals stark subventionierten Produkten auf dem Weltmarkt zu konkurrieren ist ohne staatliche Unterstützung nicht zu leisten. Diesbezüglich diskutiert die China-Strategie im Rahmen so genannter wichtiger Projekte von gemeinsamem europäischem Interesse (IPCEI) mögliche Subventionsregime, die gezielte finanzielle Unterstützung für die Entwicklung strategisch relevanter Technologien und die Schaffung entsprechender industrieller Kapazitäten bereitstellen könnten.


Mit Hilfe von Industriepolitiken wie dem Inflation Reduction Act und der umfassenden Halbleiter-Gesetzgebung versucht Washington, Produktionen und Innovationen zurück auf den amerikanischen Kontinent zu holen. Ziel ist es, eigene Abhängigkeiten zu vermindern und gleichzeitig chinesisches Wachstum zu schwächen, um so eine Vormachtstellung der Volksrepublik in wirtschaftlichen und militärischen Bereichen zu verhindern. Dies ist besonders für den Technologiesektor relevant. Dass die Regierung in Washington dabei auch nicht vor diplomatischem und wirtschaftlichen Druck auf verbündete Staaten in Europa zurückschreckt, zeigt das Beispiel der niederländischen Holding ASML, die daran gehindert wurde, neue Maschinen zur Chipherstellung nach China zu exportieren. Hierbei wird es immer wahrscheinlicher, dass auch deutsche Hochtechnologiefirmen zwischen die Fronten geraten und sich Druck aus Washington oder Peking ausgesetzt sehen. Amerikanische Entscheidungsträger dürften in diesem Zusammenhang auch nicht vor der Implementierung etwaiger Sekundärsanktionen oder exterritorialer Exportbeschränkungen für Unter­nehmen zurückschrecken, die nach wie vor beide Märkte bedienen wollen. Inwiefern die Bundesregierung hier etwaige Schutzmechanismen plant, wird in den bisherigen Entwürfen der China-Strategie nicht diskutiert.


Es gibt darüber hinaus Berichte, dass die US-Regierung an einem Positionspapier arbeitet, welches nationale Sicherheitsüberprüfungen für ausgehende Investitionen nach China skizziert. Sollte der Kongress eine derartige Politik ratifizieren, wäre das ein beispielloser Schritt, der sehr schnell auch ausländische Unter­nehmen betreffen kann.


Ausblick


Politisch und wirtschaftlich gesehen führt kein Weg an einer Diversifizierungsstrategie im europäischen Kontext vorbei. Initiativen wie die EU Global Gateway sind somit eine Gelegenheit für deutsche Unternehmen, neue Märkte zu erschließen und Abhängigkeiten von China zu reduzieren. Auch die Empfehlung, dass die zukünftige Handels- und Wirtschaftspolitik gegenüber der Volksrepublik auf eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz sowie einer technologischen Souveränität Deutschlands und der EU setzen sollte, ist essenziell. Dasselbe gilt für den Vorschlag, den OECD-Konsensus zur Exportkreditfinanzierung zu flexibilisieren, um europäischen Unternehmen mehr Spielraum im Wettbewerb gegen chinesische Konkurrenten zu ermöglichen.


Von entscheidender Bedeutung wird eine mögliche Positionierung der Bundesregierung im sich intensivierenden amerikanisch-chinesischen Großmachtkonflikt sein – nicht zuletzt mit Blick auf etwaige US-Sicherheitsgarantien. Ob nationaler Vereinigungswille auf chinesischer Seite, das Ende der Strategischen Ambiguität bezüglich Taiwans auf amerikanischer Seite oder die stetig wachsende Gefahr von Fehleinschätzungen – sie alle verdeutlichen die Gefährlichkeit der Lage. China gibt sich nicht mehr mit einer Zuschauerrolle im internationalen System zufrieden, während die USA ihre nationale Sicherheit auch durch ihre technologische und militärische Vormachtstellung im globalen Kontext definieren. Dass deutsche Unternehmen im Ernstfall, also bei einem militärischen Angriff Chinas auf Taiwan, durch Sanktionen große Teile ihres Chinageschäft verlieren können, ist längst keine Fiktion mehr.


Unabhängig von einer möglichen Eskalation ist es gerade der Hochtechnologiebereich, in dem Deutschland auch zu Friedenszeiten droht, zwischen die chinesisch-amerikanischen Fronten zu geraten. Obwohl in diesem Konflikt nun vermehrt auch moralische Gesichtspunkte bemüht werden, geht es vor allen Dingen um amerikanische Kerninteressen, die mittel- und langfristig vielleicht nicht mehr ganz den deutschen oder europäischen Zielen entsprechen. Washington möchte unter allen Umständen vermeiden, dass sich die chinesische Aufholjagd im Bereich der neuen Technologien fortsetzt. Das Problem ist, dass genau dort die Wachstumsmärkte der Zukunft liegen – auch für deutsche Unternehmen.

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